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    © 2019 by Beate Rost

    Herzenshunde von Almansa

    ...wie alles begann...

    Es war im Februar 2018, als ich die Bilder von Manuell zum ersten Mal sah. Den Regeln der Menschen hilflos ausgeliefert, hielt dieser Hund einem Dasein stand, das nur noch aus Furcht und Verzweiflung bestand. Sein Lebensraum beschränkte sich auf geschätzte drei Meter im Radius. In seinen Augen spiegelte sich die Angst vor dem Ungewissen. Gedemütigt durch die Ungerechtigkeit, die ihm angetan wurde, ertrug er sein Schicksal dennoch voller Würde und Stolz.

    Tagelang trug ich die Gedanken an diesen Hund mit mir herum. Irgendetwas hinderte mich daran, sie zu verdrängen. Sein Blick hatte mich im Innersten berührt und ließ mich nicht mehr los. 

    Manuell fristete sein Dasein bereits über ein Jahr lang als Kettenhund im Tierheim von Almansa. Kaum einer der Hunde war hier kastriert. Man hielt sie in kleinen käfigartigen Zwingern. Die Rüden wurden an Ketten gelegt, um eine planlose Vermehrung zu vermeiden. Sie alle lebten nur mit dem Nötigsten. Es gab keine Hütten, keine Decken. Die Hunde lagen auf nacktem Beton. Als Rückzugsmöglichkeit dienten unter anderem Betonröhren, die hierzulande für Abwasserkanäle verwendet werden. Im Sommer heizte die unerbittlich heiße, südspanische Sonne diese Röhren zu Glutöfen auf, und im Winter bließ der eisige Ostwind durch die nasskalten und zugigen Behausungen.

    Das also war Manuells Welt seit über einem Jahr. Sein Leben bedeutete Hunger, Einsamkeit, bittere Kälte, unerträgliche Hitze und soziale Isolation. Eine realistische Perspektive auf Veränderung gab es für ihn in diesem südspanischen Tierheim nicht. Und doch wirkte dieser Hund auf mich erhaben und stolz und trotz aller Schmach beinahe hoheitsvoll und elegant.      

    Schon bald musste ich mir eingestehen, dass sich „El Manu“ längst einen Platz in meinem Herzen erobert hatte. Und so blieb mir keine Wahl: ich machte mich auf einen Weg, der voller Hürden und Hindernisse war, um meinen „Herzenshund aus Almansa“ aus dieser perspektivlosen Lebenssituation zu befreien. Ich kämpfte für ihn, telefonierte und schrieb E-Mails bis spät in die Nacht und versuchte alles, um Unterstützung für mein schier auswegloses Vorhaben zu erhalten.  

    Viele Tage und Nächte später war es dann geschafft. Manuell durfte sein trostloses Dasein hinter sich lassen. Ich hatte endlich einen Weg gefunden. Ich empfand seine Rettung als unglaubliches, persönliches Glück. Ich hatte erreicht, was ich erreichen wollte. Ich hatte seinem Leben, trotz aller Widrigkeiten, eine ganz neue Perspektive gegeben. Dennoch ließen mich die schrecklichen Bilder aus seiner Vergangenheit nicht mehr los. Sie begleiteten mich Tag und Nacht. So, als ob sie mich erinnern und ermahnen wollten, weiterzumachen und mehr zu tun.

    Eines Abends saß ich an meinem Schreibtisch und sah mir noch einmal die Fotos der Hunde an, an deren Seite Manuell im Tierheim in Almansa über ein Jahr lang gelebt hatte. Auf einmal schoss mir die Frage durch den Kopf, was aus all diesen Hunden werden würde? „Sie haben nicht einmal einen Namen“, dachte ich für mich, und sogleich wurde mir klar, dass auch sie alle keine Hoffnung auf ein würdevolles Leben haben. Ihre Fotos sind nicht auf den Internetseiten deutscher Vermittlungsportale zu finden. Angekettet oder eingesperrt auf engstem Raum, fristen sie ihr Dasein in einem Tierheim irgendwo in Südspanien, das kaum jemand kennt.

    Während ich dasaß und meinen Gedanken nachhing, fiel mir ganz plötzlich ein Satz ein, den ich in meinem Buch „Leben will gelernt sein“ geschrieben hatte:

    „…und hätten sie aus Einsamkeit weinen können, so wären wohl Tränen an ihren Wangen wie Rinnsale geflossen.“

    Es war wohl genau jener Augenblick, in dem mir etwas bewusst wurde: Manuell hatte, genau wie Suri Anica, eine Mission. Er hatte eine Botschaft mitgebracht. Es war genau wie vor 5 Jahren: Ich konnte das traurige Schicksal dieser spanischen Kettenhunde nicht mehr ausblenden. Ich war nicht mehr in der Lage so zu tun, als gäbe es sie nicht, die unzähligen Leben, die ihr trauriges Dasein an kurzen Ketten fristen müssen, und auf nacktem Beton jeder Witterung schutzlos ausgeliefert sind. Die Entscheidung, die ich jetzt traf, war plötzlich so klar in meinen Gedanken, dass ich mich fragte, warum ich so lange nicht darauf gekommen war. Ich werde all den Hunden, die genau wie Manuell keine Perspektive auf ein wirkliches Leben haben, helfen. Helfen, ein neues und unbeschwertes Leben in einer liebevollen Umgebung zu finden. Ein Leben, das sie ihre elende Vergangenheit vergessen lässt.